Gedichtsreisender

Buchen Sie den Gedichtsreisenden Ludwig Laus!

 

Aus dem Tagebuch des Gedichtsreisenden Ludwig Laus


Montag, den 18.06 2014
Gegen Mittag urplötzlich Liebe zur Lyrik entdeckt. Völlig neues Lebensgefühl.


Donnerstag, den 21.06.2014

Infolge nächtelanger Lektüre der Standardwerke von Goethe, Ringelnatz und Morgenstern wieder übermüdet im Büro erschienen. Frau Ruthemöller aus der Buchhaltung erkundigt sich, ob ich eine neue Freundin hätte. Ich verneine.


Freitag, den 22.06.2014

Gegen Mittag im Büro durch lautes Klopfen aufgewacht. Der Bilanzbuchhalter fragt nach der Akte Steinkamp, wir sind im Verzug. Habe Angst meine tägliche Büroarbeit nicht mehr zu schaffen. Zuhause wartet ein Frühwerk von Heinz Erhardt auf mich.


Dienstag, den 17.08.2014

Spontaner Vortrag einiger Gedichte von Robert Gernhardt vor den Abteilungs-Mitarbeitern gerät etwas holprig. Gelächter. Frage mich worüber: Über die Gedichte, über mich?  Ermahnung des Abteilungsleiters wieder an die Schreibtische zurückzukehren.


Mittwoch, den 24.09. 2014

Termin beim Abteilungschef. Grund: Beschwerde meines Abteilungsleiters über meine derzeitige  Arbeitshaltung.

Mir fehlt die Kraft zur Verteidigung. Muß dauernd an Rilkes “Panther” denken. Bermerkung des Abteilungschefs, dass ihm mein Auftritt auf der Betriebsfeier gefallen  habe, darf meine Arbeit aber nicht weiter vernachlässigen.


Freitag, den 12.10 2014

Trotz vielfacher Versuche gelingt es mir nicht, mich auf den Vorgang  Krautmeier zu konzentrieren. Blättere stattdessen  ich in einem Büchlein von Ernst Jandle, lese das Gedicht von “Lechts und Rings”, muss lachen. Darf keine Gedichte mehr mit ins Büro nehmen!


Dienstag, den 29.10.2014

Der Bilanzbuchhalter überrascht mich beim Rezitieren von Goethes “Mailied” auf der Toilette. Peinliche Situation. Lade ihn später zu einem Kaffee ein. Er berichtet mir aus seiner Kindheit.


Donnerstag, den 08.11.2014

Bei der wöchentlichen Besprechung fallen meine Gedichtsbände aus der Aktentasche. Niemand sagt etwas. Vorwurfsvoller Blick von Frau Ruthemöller. Mache wegen Kopfschmerzen schon um 14h Feierabend.


Montag. den 10.12.2014

Komme nach zweiwöchiger  Krankheit erstmals wieder ins Büro. Unterkühlte Begrüßung. Versuche, einen Termin beim Abteilungschef zu bekommen, was scheitert.


Montag, den 17.12.2014

Im Briefkasten heute das Kündigungsschreiben  des Abteilunschefs. Man bedauert den Zeitpunkt. Kurz vor Weihnachten. Beginne zum Trost das Gedicht “Advent” von Loriot auswendig zu lernen.


Heiligabend 2014

Rezitiere zur Freude der Nachbarn kurz vor der Bescherung Loriot und Ringelnatz im Treppenhaus. Allgemeine Anerkennung. Nachbar Lehnbachs Begeisterung hält sich jedoch bei Loriot in Grenzen, er revanchiert sich mit der “Glocke”. Frau Müller, Parterre links, schläft dabei auf dem Treppenabsatz ein.


15.01.07–20.01.2015

Lege mir eine Bibliothek an und versuche in meinem Kopf Ordnung zu schaffen. Onkel Hans schreibt mir einen Brief, in dem er mich für vollkommen verrückt erklärt. Hilde, meine Pflegemutter, tut ihm leid.


13.02.2015

Rufe aus der Bibliothek  meine  Pflegemutter an, erinnere mich, dass sie vor zwei Wochen verstorben ist.


16.02.2015

Vier Uhr. Wache am Küchentisch auf. Verfasse ein Gedicht, schlafe auf dem Weg zur Toilette wieder ein.

 

So ein Tisch hat`s schwer
Das ist wirklich nicht fair
So sehr er sich plagt
Der Zweifel nagt
Er steht mit seinen Gefühlen
Immer zwischen den Stühlen
Und
Kümmert das bei Zeiten
Die Sitzgelegenheiten
Ne, die machen sich nichts draus
Und sitzen die Sache mal wieder aus


16.02.2015

Sechs Uhr. Lese das Gedicht am Fenster, muss mich setzen. Schreibe als Titel “Tischmanieren” über mein Werk.


Sommer 2015

Unternehme ausgedehnte Reisen nach Frankreich und Italien. Von Florenz beeindruckt.

Lerne zwischenzeitlich immer mehr Gedichte von Gernhardt, Gerhardt, Goethe, Ringelnatz, Morgenstern, Jandle und viele mehr.


Herbst 2015

Es gibt  viele Gedichte. Überlege,  welche ich auswendig lernen soll. Entscheide mich, alphabetisch vorzugehen.


01.01.2016

Beschließe, Gedichtreisender zu werden. Besorge mir strapazierfähiges Handgepäck. Nachbar Lehnbach wünscht mir Glück. Reise fortan durch die Republik und trage zu diversen Anlässen das Gelernte vor.